Freitag, 5. Juni 2009

Kinderlachen

Die Sonne steht hoch am Himmel und die Luft ist verzaubert von glücklichem Kinderlachen. Schmetterlinge tanzen herum und die Bienen fliegen eifrig von einer Blüte zur nächsten. Die Zwillinge Carlin und Nia laufen Hand in Hand über die Wiese. Sie lachen und freuen sich über den wunderschönen Tag. Sie begrüßen die Sonne und erfreuen sich an der bunten Blumenpracht. Die Wiese führt bis zu den Klippen am Meer, wo der Abgrund sehr tief ist. Dennoch ist das Geräusch der peitschenden Wellen immer zu hören. Hier stehen Carlin und Nia oft und schauen den wilden Wellen zu, die weit unten immer und immer wieder gegen den Felsen preschen. Ein zauberhafter Anblick, der beide immer wieder in seinen Bann zieht. Manchmal verbringen sie Stunden hier oben, um Wind und Wasser zu beobachten und mit ihnen zu singen. Zurück gibt es meist einen Wettlauf, den beide gewinnen. Ein rührender Anblick, wie unbeschwert die Mädchen spielen. Die beiden sind unzertrennlich und machen alles gemeinsam. Die Luft ist erfüllt von glücklichem Kinderlachen. Sie tollen auf der Wiese herum, pflücken Blumen, binden Kränze, zählen Schmetterlinge und sind dankbar über ihre Leben. Jeder, der die beiden sieht und hört muss lächeln. Es ist, als könnten Carlin und Nia den Menschen das Glück und die Freude bringen.

Finja atmet auf und öffnet ihre Augen. Sie liebt diese Bilder in ihrem Kopf über alles. Ein Glücksgefühl kommt in ihr hoch und die Freude steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Sie weiß, dass dies Erinnerungen aus einem früheren Leben sind. Und das macht sie unendlich glücklich, aber gleichzeitig hat sie dabei auch eine unerklärliche Sehnsucht, verbunden mit einer tiefen Traurigkeit. Dennoch verliert sie sich immer wieder in diesen Bildern. Es ist, als wären sie manchmal lebendig. Eines Tages ist alles anders. Wie so oft, wenn Finja müde von ihrer Arbeit nach Hause kommt und sich auf die Couch legt, hört sie das Kinderlachen. Sie schließt ihre Augen und schon sieht sie die Bilder.

Gerade eben schien noch die Sonne und die Zwillinge tollten lachend über die Wiese. Doch plötzlich verdunkelt sich der Himmel und die Sonne versteckt sich hinter schwarzen Wolken. Carlin und Nia sind auf dem Weg zu den Klippen. Sie sind völlig fasziniert von dem Naturschauspiel. Oben angekommen beobachten sie den näher kommenden Sturm und die wilden Wellen weit unten. Der Wind wird immer stärker. Nia bekommt etwas Angst und geht ein paar Schritte zurück. Carlin dreht sich zu ihr um und im selben Moment blitzte es, gefolgt von einem lauten Donnerschlag. Carlin erschrak über dieses ohrenbetäubende Geräusch und ging einen Schritt zurück, verlor ihr Gleichgewicht und stürzte die Klippen hinunter. Nia sprang nach vorn, schmiss sich auf den Boden und sah Carlin fallen. Die Welt hielt den Atem an und die Zeit schien still zu stehen für einen Moment. Nia sah, wie Carlin fiel und fiel und schrie: „Carlin! Carlin!“ Diese hatte beim Fallen ein Lächeln im Gesicht, dann prallte sie auf die Felsen und ihr Körper fiel ins Wasser. Das Gewitter war nun direkt über Nia. Sie schrie immer noch nach Carlin, aber der Regen prasselte auf die Erde und übertönte so ihre Rufe. Blitz und Donner lieferten sich ein atemberaubendes Schauspiel. Nia lag immer noch auf dem Boden, mittlerweile schon völlig durchnässt. Sie sah wie Carlin starb und ihr Körper im Meer versank. Tränen liefen über ihr Gesicht und eine unendliche Traurigkeit und Sehnsucht überkam sie. Carlin war tot, ihre über alles geliebte Schwester war einfach tot. Nia konnte sich nicht mehr bewegen und starrte weiter ins Meer. Alles in ihr zog sich zusammen. Und so blieb sie einfach dort liegen.
Von diesem Tag an hörte niemand mehr das Kinderlachen. Nia lachte nicht, weinte nicht und sprach kein Wort mehr. Sie zog sich ganz in sich zurück und nahm am Leben nicht mehr teil. Niemand konnte ihr die Liebe zu Carlin, zu ihrer über alles geliebten Schwester ersetzen.


Finja holte Luft und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie war entsetzt und erschrocken zugleich. Diese Bilder kannte sie nicht. Aber sie lösten etwas in ihr aus und diese Erinnerung schmerzte. Sie wusste, wie Nia sich gefühlt hat. In genau dem Moment, als Carlin starb, hat auch Nia aufgehört zu leben. Sie baute sich eine Schutzmauer und wollte nie wieder so verletzt werden. Finja fiel es wie Schuppen von den Augen. Auch sie hatte sich diese Schutzmauer gebaut, weil sie die vielen Verletzungen einfach nicht mehr ertragen konnte, die sie erlebt hatte. Nun lösten die Erinnerungen nicht mehr dieses Glücksgefühl aus, sondern nur noch Traurigkeit und eine unendliche Sehnsucht, die unerträglich ist. In der Nacht hört Finja wieder Kinderlachen. Ihr Herz überschlägt sich vor Freude bei dem Geräusch. Sie dreht sich um und sieht die Zwillinge. Sie tollen lachend über die Wiese. Finja möchte sie umarmen, doch schon ist es wieder still und sie schaut ins Leere. So geht das Nacht für Nacht. Finja schläft kaum noch, denn diese Bilder der Zwillinge verfolgen sie regelrecht. Sie ist völlig zerrissen von ihren Gefühlen. Es wird zu einer Qual, die Finja einfach nicht zu greifen weiß.

Es ist Nacht. Finja kann wieder nicht schlafen. Sie öffnet das Fenster und schaut hinaus. Ganz leise nimmt sie die Meeresbrandung war. Wie sehr sie doch dieses Geräusch liebt, obwohl es ihr auch schmerzliche Erinnerungen schickt. Dieses Mal verliert sie sich nicht in diesen Bildern. Sie geht hinaus und ohne weiter nachzudenken führt ihr Weg sie Richtung Meer. Die Mondin steht hoch am Himmel. Der Nebel kommt schleichend über den Boden gekrochen und lässt sie erschauern. Finja hat Angst, aber etwas treibt sie vorwärts. Sie geht die Wiese hoch bis zu den Klippen. Es ist seltsam still hier. Oben angekommen ist die Luft klar. Der Nebel hat hinter ihr alles eingehüllt. Es sieht aus, als wäre die Welt in Watte gepackt. Finja schaut auf das Meer, alles ist ruhig. Sie saugt diese Ruhe und Stille in sich auf. Plötzlich bekommt sie diese unbeschreibliche Sehnsucht. Sie steht am Rand der Klippen und möchte einfach springen. Doch dann hört sie das Kinderlachen, dreht sich um und sieht Carlin aus dem Nebel kommen. Das Bild ist so lebendig. Finja fängt an zu weinen. Die kleine Carlin kommt auf sie zu und sagt:“Tu das nicht! Du brauchst dir um mich keine Sorgen machen. Es geht mir gut. Lebe dein Leben und halte nicht an mir fest.“ Carlin streckte ihre Hand aus und noch bevor Finja etwas tun konnte, legte Nia ihre Hand in die von Carlin. Nia kam aus Finja und weinte, doch Carlin wischte ihr die Tränen weg und sagte:“ Danke! Nun sind wir wieder zusammen!“ Glücklich lachend verschwanden die Zwillinge im Nebel. Finja stand da und spürte eine große Erleichterung. Diese Sehnsucht war weg, genau wie die Traurigkeit. Sie holte tief Luft und fühlte sich frei. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie ihre Freiheit. Denn sie hatte losgelassen und damit etwas unbeschreiblich Schönes bewirkt. Sie hatte Carlin und Nia wieder zusammen gebracht. Und die Erinnerung an die Zwillinge hinterlassen nun ein tiefes Vertrauen und Zufriedenheit.
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